• Aus der offenen Landschaft des Alpenvorlandes erstreckt sich die Atmosphäre der Milchwirtschaft von Wiesen und Weiden bis in die Ortsmitte von Wertach, in der sie auch heute noch deutlich spürbar ist. Fast alle Gebäude haben ihren Ursprung in einer landwirtschaftlichen Nutzung, einige Großfeuer in den letzten Jahrhunderten haben vermutlich die Verdichtung zu geschlossener Bebauung nicht nahegelegt. Das Ortsbild von Wertach zeigt also eine dicht gestellte, aber offene Bebauung. Die Satteldächer sind durchgehend mit roten Ziegeln eingedeckt. Ein so kleiner Ort könnte eine klare Mitte haben, was heute leider nicht der Fall ist. Die Kirche steht ganz für sich auf einem Hügel, das Rathaus steht abseits von der Marktstraße. Der Maibaum steht heute im Norden des Gasthauses in einem kleinen „Dorfpark“.

    Wenn man eine neue Ortsmitte schaffen will, dann muss man alles Leben auf der Straße und alle öffentlichen Räume möglichst bündeln. Unser Projekt zeigt einen räumlich klar gefassten, aber in seiner Nutzung vielfältigen Dorfplatz an der Ecke Marktstraße/Kramerweg. Die beiden alten Kastanien werden bewahrt, sie sind kaum zu ersetzen, besonders in der Erinnerung der Bewohner. Die Oberfläche dieses Platzes, eine Kleinsteinpflasterung in Passeé-Anordnung mit offenen Fugen, erstreckt sich auch über die Marktstrasse und den Kramerweg hinweg. Der motorisierte Verkehr wird so gebremst, Autos können in nächster Nähe, aber nicht auf dem Platz selbst abgestellt werden. Weitere neu zu setzende Solitärbäume und öffentliche Brunnen ergänzen den einladenden und offenen Charakter der neuen Ortsmitte. Je nach Jahreszeit ist eine Bespielung mit einem Biergarten oder Marktbuden möglich.

    Veranstaltungssaal und Gastronomie wenden sich zur Ortsmitte hin und fassen diese räumlich von Norden und Osten her ein. Die Silhouette des Gebäudes zeigt eine Abfolge von geschlossenen Trauf- und Giebelseiten, das Erdgeschoss bildet jedoch eine räumliche Einheit, die sich zur Ortsmitte hin durch großflächige Verglasungen öffnet. Der Dorfplatz kann gewissermaßen bis tief in das Gebäude reichen, wenn der Anlass es erfordert.

    Die beiden Trakte des Gebäudes markieren mit ihren südlichen Giebeln die beiden Funktionen „Veranstaltungssaal“ und „Gasthaus“, gegen Norden hin verschmelzen die beiden Häuser zu einem einzigen Gebäude, das alle geforderten Funktionen unter einem gefalteten Dach vereint. Der Einspielraum öffnet sich mit einem überdeckten Eingang an der Nordecke zur Marktstraße, er bildet eine eigene Adresse abseits von der Ortsmitte.

    Veranstaltungsbereich und Gastronomie stellen jeweils getrennte Funktionsbereiche dar. Sie haben eigene Haupt- und getrennte Nebeneingänge. Die große WC- Anlage liegt unter dem Dach und kann von beiden Bereichen aus benützt werden. Wenn der Veranstaltungsbereich geschlossen ist, kann das Foyer mit einer Schiebewand gegen das Restaurant abgeschlossen werden.

    Der große Saal ist teilbar, beide Hälften haben Zugang vom Foyer. Die westliche Hälfte hat eine Glasfassade zur Marktstraße hin, die östliche Hälfte öffnet sich zu einem Oberlicht im östlichen Satteldach. Diese markante Lichtführung wird für den Besucher ein unerwarteter Verweis im Innenraum auf die Verschmelzung zweier Dächer zu einer Dachlandschaft.

     

     

     

Neue Ortsmitte mit Veranstaltungssaal, Wertach, D, 2018 (mit Philip Lutz )